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In Bern kündigt sich ein Kampf der Veloverleiher an

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Die Postauto-Tochter Publibike soll in Bern das bisher grösste Veloverleihsystem der Schweiz aufbauen. Doch nun kündet die unterlegene Konkurrentin einen Rekurs an.

von Simon Thönen, Der Bund, 6. Februar 2016

Das künftige Veloverleihsystem in der Stadt Bern ist eine grosse Kiste. Alle 300 bis 400 Meter sollen Leihvelos zur Verfügung stehen. Insgesamt 2400 Zweiräder, die Hälfte davon E-Bikes, an 200 Ausleihstationen. Ein solch dichtes Leihvelo-Netz gibt es bisher in keiner Schweizer Stadt. Falls es tatsächlich so intensiv genutzt wird wie geplant, wird es das Mobilitätsverhalten in der Bundesstadt ziemlich tiefgreifend verändern. Den Auftrag zum Aufbau und Betrieb des Systems hat die Stadt Ende Januar an Publibike erteilt, eine Tochter von Postauto. Das Veloverleihsystem soll in der ersten Jahreshälfte 2017 funktionsfähig sein.

Rekurs der unterlegenen Firma

Doch nun zeichnen sich Verzögerungen ab. Die unterlegene Anbieterin, die Firma Intermobility AG mit ihrem System Velospot, wird die Auftragsvergabe rechtlich anfechten. Dies bestätigt auf Anfrage Direktor Paul-André Sarrasin. «Wir sehen uns gezwungen, Rekurs einzulegen», sagt Sarrasin. Rekurse der Intermobility sind auch andernorts hängig. So gegen den Entscheid der Stadt Zürich, die den Auftrag für ein grosses Veloverleihsystem ebenfalls an Publibike erteilt hat, und gegen die Ausschreibung für ein Verleihsystem in Genf. Eingereicht ist der Rekurs noch nicht, die Frist läuft in wenigen Tagen ab.      

«Es überrascht mich wenig, dass nun ein Rekurs angekündigt wird», sagt auf Anfrage die städtische Verkehrsdirektorin Ursula Wyss (SP). «Die Verleihsysteme haben eine qualitativ neue Stufe erreicht. Nun wird sich entscheiden, welches System sich in der Schweiz durchsetzt.» Wyss zeigt sich «zuversichtlich», dass die Auftragsvergabe der Stadt an Publibike rechtlich Bestand haben wird. «Das Verfahren ist korrekt gelaufen.»

Sie selber ist in den Ausstand getreten, um Vorwürfe der Befangenheit zu vermeiden. Der Grund: Bernmobil hat sich an der Offerte von Intermobility beteiligt. Wyss aber ist Verwaltungsratspräsidentin von Bernmobil. Letztlich hat Gemeinderätin Franziska Teuscher  (GB) als Stellvertreterin von Wyss die Auftragsvergabe unterzeichnet.

Zuversichtlich zeigt sich auch Sarrasin. «Wir sind einer der führenden Anbieter von Veloverleihsystemen – in der Schweiz und darüber hinaus.» Intermobility ist eine private Firma, die das von der Stadt Biel entwickelte System Velo­spot übernommen und weiterentwickelt hat. Viele Gemeinden in der Westschweiz, aber auch Thun setzen auf dieses System. Am Ursprungsort Biel kämpfte Velospot allerdings letztes Jahr mit grossen Schwierigkeiten, nachdem Diebe die elektronische Verriegelung der Leihvelos geknackt hatten. Zeitweise fiel der grösste Teil der Leihveloflotte aus.

Die elektronische Verriegelung in Biel sei ein Prototyp gewesen, sagt Sarrasin. Auf den Frühling hin würden «80 Prozent der Bieler Leihvelos» mit einem neuen, verbesserten Schliesssystem wieder in Betrieb sein, verspricht er. Das System des Konkurrenten Publibike hingegen bezeichnet Sarrasin als «obsolet». Er verweist darauf, dass Städte wie Winterthur, Bulle und Frauenfeld den, wie er sagt, «überteuerten» Veloverleih von Publibike beendet haben.

In der Tat waren nicht nur dort Gemeinden mit dem Angebot von Publibike unzufrieden. Andere dagegen haben ihre Veloverleihsysteme mit Publike zusammen kürzlich ausgebaut. Für Publibike führten die bisherigen Erfahrungen zu einem Umdenken in der Geschäftsphilosophie: hin zu grösseren Systemen. «Je weniger dicht ein Verleihnetz ist, des­to erfolgloser ist es», sagt Publibike-Geschäftsführer Bruno Rohner. Winterthur und Frauenfeld seien dafür typische Beispiele. Es gab jeweils nur gerade eine Velostation am Bahnhof, was bedeutet, dass die Velos immer auch dort wieder abgegeben werden mussten. In Netzen wie Lausanne oder La Côte am Genfersee mit vielen Stationen steige die Zahl der Ausleihen dagegen deutlich.

Für die Stadt ist der Betrieb gratis      

So dichte Verleihnetze wie jene, die in Bern und Zürich geplant sind, gibt es in der Schweiz jedoch bisher nicht. Publibike geht davon aus, dass das Netz in Bern dank der vielen Verleihstationen attraktiv sein wird und rentabel betrieben werden kann. Dabei will man die Velos auch als Werbeträger einsetzen. «Das unternehmerische Risiko tragen wir», sagt Rohner. Die Stadt muss deshalb den Aufbau des Verleihsystems und den Betrieb nicht mitfinanzieren. Ihr Beitrag beschränkt sich auf den bereits bewilligten Planungskredit von 300'000 Franken und einen zusätzlichen Kredit für Umsetzungsplanung und Begleitung. Über diesen wird der Stadtrat entscheiden. Eine Volksabstimmung wird es nicht geben, weil der neue Kredit «deutlich unter der Schwelle für ein Referendum liegen wird», wie Hugo Staub, Projektleiter in der Verkehrsdirektion, sagt.

Das sind finanziell sehr gute Konditionen für die Stadt. Sie beruhen darauf, dass das neue Geschäftsmodell von Publibike funktioniert. Was passiert, wenn der Veloverleih nicht rentieren sollte? «Auch wenn der Verleih kein Erfolg sein sollte, was wir natürlich nicht hoffen, liegt das Risiko nicht bei der Stadt», sagt Verkehrsdirektorin Wyss. «Publibike wird per Vertrag dazu verpflichtet, das Veloverleihnetz fünf Jahre lang zu betreiben.»

Was Publibike in der Stadt Bern anbieten will

Ob Publibike wirklich den Auftrag erhält, das Veloverleihsystem in der Stadt Bern aufzubauen, werden wegen des angekündigten Rekurses der unterlegenen Konkurrentin wohl die Gerichte entscheiden. Zudem muss der Stadtrat seine Zustimmung geben. Mit der vorläufigen Auftragsvergabe ist nun aber immerhin sehr viel klarer, wie das Verleihsystem ausgestaltet werden soll. Laut Hugo Staub, Projektleiter für das System in der städtischen Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS), wird es folgende Merkmale aufweisen:

Dichtes Netz: 

Mit 200 Verleihstationen und je 1200 Velos und E-Bikes zum Ausleihen wird das Berner Velo­verleih­netz das bisher grösste in der Schweiz sein. «Mit der Dichte der Leihstationen wird das Netz attraktiv», sagt Staub. Es wird sich um ein eigentliches Parallelnetz zum öffentlichen Verkehr handeln. Und es soll den ÖV dort ergänzen, wo die Verbindungen nicht so gut sind: auf den Tangentiallinien, die nicht über das Zentrum Bahnhof/Innenstadt führen.

Abo und Preise:

Das in Bern geplante Verleihnetz ist sehr viel dichter als die bisherigen, die Tarife werden entsprechend höher sein. Publibike-Geschäftsführer Bruno Rohner nennt folgende Zahlen: Ein Jahresabo nur für das Berner Netz wird ungefähr 50 Franken kosten. Die erste halbe Stunde Ausleihe ist für ein Velo gratis. Bei den Elektrobikes wird, anders als heute, auch die erste halbe Stunde etwas kosten. «Hier handelt es sich ja um ein besseres Angebot, quasi um die erste Klasse», sagt Rohner. Jede weitere halbe Stunde kostet 2 Franken (Velo) beziehungsweise 3.50 Franken (E-Bike). Ein Jahresabo für alle Publibikevelos in der Schweiz kostet heute 60, neu 90 Franken. Man kann das Abo für Publibike mit der neuen ÖV-Karte Swiss Pass lösen.

Ausleihstationen ohne schwere Installationen:

Bisher erfordern Leih­velo­statio­nen meist Haltevorrichtungen und Automaten zur Ausleihe. So sehen auch die Leihstationen des kleinen Netzes aus, das Publibike bereits heute in Bern betreibt. Doch darauf will man beim neuen grossen Veloverleihnetz verzichten. Die neuen Ausleihstationen sollen mit einer minimalen Infrastruktur auskommen: Parkfelder, die mit einer speziellen Farbe markiert sind, ergänzt mit Informationstafeln (siehe Bild oben). Ausleihe, Rückgabe sowie der Schutz vor Diebstählen erfolgen auf elektronischem Weg. Auch der Ladestand der Batterien der E-Bikes wird elektronisch überwacht. Ist er tief, werden die Batterien ausgewechselt. Vor allem am Hauptbahnhof in den heutigen Veloparkings (und im neuen bei der Schanzenbrücke) wird es bediente Stationen geben. Hier können die diversen Abonnemente gekauft werden und hier stehen auch Automaten zur Verfügung.

Personal aus Sozialprojekt:

Das städtische Kompetenzzentrum Arbeit wird das Personal für den Betrieb des Verleihsystems stellen. Es soll Menschen ohne oder mit geringer Berufsbildung Beschäftigung bieten und mithelfen, sie besser zu qualifizieren.

Quelle: Der BundAutor: Simon ThönenDatum: 6. Februar 2016

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